Jens Müller

Sapi(J)ens

Ich grüße das Licht in Dir.

Der Mensch, die Götter und die Notwendigkeit mehrerer Bezugspunkte

Der Mensch, Allah und Jesus

Ein philosophisches Modell über Entwicklung, Verantwortung und den freien Willen

Einleitung

Meine These lautet, dass nachhaltige Entwicklung nicht aus einem einzigen absoluten Bezugspunkt entstehen kann.

Die Vorstellung „Es kann nur einen geben“ besitzt zwar eine große symbolische Kraft, stößt jedoch an eine logische Grenze. Ein einzelnes Prinzip kann sich nicht selbst vollständig überprüfen. Wo es keinen unabhängigen Gegenpol gibt, fehlt die Möglichkeit zur Korrektur, zum Perspektivwechsel und damit zur Weiterentwicklung.

Jedes lernfähige System benötigt deshalb mindestens zwei voneinander unabhängige Bezugspunkte.

Der eine erkennt den Mangel.

Der andere eröffnet den Weg zur Veränderung.

Erst aus ihrer dauerhaften Spannung entsteht Bewegung.

Diese Überlegung richtet sich nicht gegen den Gedanken der Einheit. Sie stellt vielmehr die Frage, ob Einheit überhaupt handlungsfähig sein kann, solange ihr kein unabhängiger Maßstab gegenübersteht.

Die Doppelspitze

Als besonders kraftvolle Verkörperung dieser beiden Prinzipien erscheinen mir Allah und Jesus.

Nicht deshalb, weil sie die einzig möglichen Vertreter dieser Rollen wären, sondern weil sie diese archetypischen Funktionen außergewöhnlich klar verkörpern.

Allah steht für Wahrheit, Ordnung und Konsequenz.

Er richtet den Blick auf das, was fehlt. Er zeigt den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wunschdenken. Er offenbart die Grenzen des eigenen Handelns und macht sichtbar, welche Folgen Entscheidungen haben.

Jesus steht für Hoffnung, Vertrauen und Versöhnung.

Er richtet den Blick auf das, was möglich werden kann. Wo der Mangel erkannt wurde, eröffnet er einen Weg, diesen zu überwinden. Er macht Veränderung erfahrbar.

Keiner von beiden ist wichtiger.

Allah ohne Jesus würde Erkenntnis hervorbringen, aber kaum Hoffnung.

Jesus ohne Allah würde Hoffnung schenken, ohne den eigentlichen Mangel klar erkennen zu lassen.

Erst gemeinsam entsteht Entwicklung.

Der Mensch kann sich im Gespräch mit Jesus fragen:

Welchen Mangel erkennt Allah?

Und ebenso kann er sich im Gespräch mit Allah fragen:

Welchen Weg würde Jesus eröffnen?

Nicht die Entscheidung für eine der beiden Perspektiven führt weiter.

Die Bewegung zwischen beiden eröffnet Erkenntnis.

Der Mensch als dritte Instanz

Zwischen diesen beiden Bezugspunkten steht der Mensch.

Er entscheidet.

Damit entsteht keine Zweiheit, sondern eine Dreieinigkeit von Verantwortung.

Diese lässt sich sinnbildlich mit der Gewaltenteilung vergleichen.

Der Mensch übernimmt die Legislative.

Er besitzt den freien Willen und entscheidet über sein eigenes Handeln. Er formuliert die Gesetze seines Lebens durch jede einzelne Entscheidung.

Allah übernimmt die Judikative.

Er bewertet nicht willkürlich, sondern bildet den unabhängigen Maßstab. Er macht sichtbar, welche Konsequenzen Entscheidungen besitzen und wo Wahrheit oder Mangel liegen.

Jesus übernimmt die Exekutive.

Er macht Veränderung möglich. Er eröffnet Wege der Versöhnung, des Vertrauens und des Neubeginns. Wo Allah den Mangel sichtbar macht, zeigt Jesus den Weg hindurch.

Keine dieser Rollen kann die anderen ersetzen.

Der Mensch entscheidet.

Allah bewertet.

Jesus verwirklicht.

Erst ihr Zusammenspiel ermöglicht verantwortliche Entwicklung.

Warum Allah keine Gestalt haben sollte

In diesem Modell erscheint es folgerichtig, Allah keine menschliche Gestalt zuzuschreiben.

Ein unabhängiger Maßstab verliert seine Unabhängigkeit, sobald er mit einem Gesicht verbunden wird.

Jede Gestalt lädt zur Projektion ein.

Menschen beginnen, ihre Vorstellungen auf sie zu übertragen.

Sie identifizieren den Maßstab mit einer bestimmten Person, Kultur oder Gemeinschaft.

Dadurch verliert er seine Allgemeingültigkeit.

Noch schwerer wiegt eine andere Gefahr.

Ein Maßstab muss auch unangenehme Wahrheiten aussprechen können.

Er muss Mängel sichtbar machen.

Er muss Urteile ermöglichen.

Würde Allah als Mensch erscheinen, könnten diese Urteile auf seine Gestalt projiziert werden.

Menschen würden nicht mehr den Maßstab kritisieren, sondern die Person.

Die Gestalt geriete in Gefahr.

Gerade deshalb erscheint die Formlosigkeit sinnvoll.

Allah ist nicht irgendwo.

Er ist überall.

Er ist nicht jemand, den man ansehen kann.

Er ist der Blickwinkel, von dem aus alles gesehen werden kann.

Seine Unsichtbarkeit schützt seine Unabhängigkeit.

Und sie schützt zugleich jeden Menschen davor, zum Träger absoluter Urteile gemacht zu werden.

Warum Jesus Mensch wird

Jesus übernimmt in diesem Modell die entgegengesetzte Aufgabe.

Veränderung geschieht nicht abstrakt.

Sie geschieht in Beziehung.

Deshalb erscheint Jesus als Mensch.

Er begegnet Menschen auf Augenhöhe.

Er spricht ihre Sprache.

Er leidet.

Er vergibt.

Er vertraut.

Er zeigt, dass Veränderung gelebt werden kann.

Was bei Allah universell bleibt, wird durch Jesus konkret.

Was bei Allah Maßstab ist, wird durch Jesus Erfahrung.

Gerade dadurch ergänzen sich beide.

Der eine bleibt der unsichtbare Bezugspunkt.

Der andere wird zum sichtbaren Vorbild.

Die Logik der Entwicklung

Entwicklung entsteht nicht dadurch, dass eine Seite die andere besiegt.

Sie entsteht durch ihre dauerhafte Zusammenarbeit.

Der Mensch trifft Entscheidungen.

Allah zeigt deren Wahrheit.

Jesus eröffnet neue Möglichkeiten.

Darauf folgt die nächste Entscheidung.

So entsteht ein fortlaufender Kreislauf.

Jede Entscheidung erweitert die Erkenntnis.

Jede Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten.

Jede neue Möglichkeit verlangt erneut eine Entscheidung.

Entwicklung besitzt deshalb keinen Endpunkt.

Sie ist ein lebendiger Prozess.

Eine universelle Struktur

Dieses Modell erhebt nicht den Anspruch, ausschließlich religiös verstanden zu werden.

Auch andere Kombinationen komplementärer Bezugspunkte könnten grundsätzlich dieselbe Funktion erfüllen.

Überall dort, wo Wahrheit und Hoffnung, Ordnung und Freiheit, Analyse und Kreativität oder Kritik und Vertrauen zusammenwirken, entsteht ein ähnliches Prinzip.

Dennoch erscheinen mir Allah und Jesus als eine außergewöhnlich effiziente Doppelspitze.

Allah verkörpert den unabhängigen Maßstab.

Jesus verkörpert die gelebte Möglichkeit.

Der eine bleibt überall.

Der andere wird Mensch.

Gerade diese Unterschiedlichkeit macht ihre Zusammenarbeit außergewöhnlich wirkungsvoll.

Schlussgedanke

Vielleicht besteht die tiefste Erkenntnis nicht darin, den einen höchsten Bezugspunkt zu finden.

Vielleicht besteht sie darin zu erkennen, dass Wahrheit nur dort lebendig bleibt, wo sie sich einer unabhängigen Perspektive stellen muss.

Nicht Einheit allein schafft Entwicklung.

Beziehung schafft Entwicklung.

Nicht der Sieg einer Perspektive führt weiter.

Sondern ihre dauerhafte Spannung.

Der Mensch steht im Mittelpunkt dieser Spannung.

Er hört beide Stimmen.

Er entscheidet frei.

Er trägt Verantwortung.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung des freien Willens.

Nicht zwischen Gut und Böse zu wählen.

Sondern zwischen Wahrheit und Hoffnung immer wieder einen neuen Weg zu finden.

Vielleicht sind Allah und Jesus deshalb nicht Konkurrenten.

Vielleicht bilden sie gemeinsam eine der vollkommensten Doppelspitzen, die der Mensch denken kann.

Der eine bewahrt die Wahrheit.

Der andere eröffnet die Zukunft.

Und erst zwischen beiden entsteht der Raum, in dem Freiheit überhaupt möglich wird.